
Der Preis der Heiligkeit: „Colonia: 1322 A.D.“ im Brettspiel-Test
Im Köln des 14. Jahrhunderts wird um Macht, Moneten und fromme Relikte gerungen. Queen Games liefert mit dem Strategiespiel von Autor Dirk Henn einen anspruchsvollen und grandios verzahnten Wirtschaftskrimi ab, der den Geist der Hanse atmet.
Es ist das Jahr 1322. Köln ist nicht nur die größte Metropole des Heiligen Römischen Reiches, sondern auch ein logistischer Knotenpunkt par excellence. Wer hier das Sagen hat, dessen Arm reicht weit über den Schatten des unvollendeten Doms hinaus. Genau in diese Blütezeit des patrizischen Einflusses versetzt uns „Colonia: 1322 A.D.“ aus der Feder von Erfolgsautor Dirk Henn („Alhambra“).
Das Spielziel ist dabei so historisch zynisch wie spielerisch reizvoll: Es gilt, den florierenden europäischen Handel zu dominieren, um den erwirtschafteten Reichtum sogleich wieder in das damals ultimative Statussymbol zu investieren – heilige Reliquien. Denn nach einer festgesetzten Anzahl an Spielrunden, die jeweils ein historisches Halbjahr repräsentieren, gewinnt schlichtweg jenes Familienoberhaupt, das durch diese frommen Artefakte die meisten Siegpunkte auf sich vereinen konnte. Wer am Ende die ruhmreichste Reliquiensammlung vorweist und das meiste Prestige genießt, entscheidet die Partie für sich.
Machtpoker hinter Sichtschirmen
Um dieses Ziel zu erreichen, reicht simple Buchhaltung jedoch nicht aus. Die Prämisse mag auf den ersten Blick wie klassisches Ressourcenmanagement klingen – Rohstoffe einkaufen, Veredelungsprozesse anstoßen, Waren verschiffen –, doch Henn webt daraus ein psychologisches Meisterstück. Das Herz des Spiels schlägt in seiner Bietphase. Die Oberhäupter der Patrizierfamilien entsenden ihre Gefolgsleute nicht einfach gemütlich auf freie Aktionsfelder, sondern setzen sie im Verborgenen hinter massiven Sichtschirmen ein.
Erst wenn alle ihre begrenzten familiären Ressourcen verteilt haben, fallen die Schranken. Das Resultat ist jedes Mal eine herrliche Mischung aus strategischem Triumph und fassungslosem Entsetzen.
Von Nowgorod bis Brügge
Die Mechanik belohnt Voraussicht und bestraft Zauderer. Um die wertvollsten Reliquien aus europäischen Handelsmetropolen wie London, Bergen oder Brügge in die Kölner Heimat zu importieren, bedarf es einer perfekt geölten Lieferkette. Erz muss rechtzeitig auf dem Markt beschafft und zu Eisen verhüttet, Wolle in feine Tuche verwandelt werden. Alles muss schließlich in den richtigen Momenten auf die Schiffe verladen werden, um maximalen Profit abzuwerfen.
Die Interaktion am Tisch ist dabei erfrischend hoch: Die Märkte reagieren aufeinander, die lukrativsten Schiffsplätze sind notorisch knapp, und ein rechtzeitig ergatterter Ratssitz kann bei Gleichständen im Biet-Duell das absolute Zünglein an der Waage sein.
Besondere Erwähnung verdient die redaktionelle und materielle Umsetzung. „Colonia: 1322 A.D.“ klotzt mit einer Opulenz, die dem Thema absolut gerecht wird. Hunderte Holzteile und ein überdimensionaler, wunderschön illustrierter Spielplan machen das Wirtschaftsringen zu einem haptischen Genuss, der die Übersichtlichkeit trotz der Spieltiefe jederzeit wahrt. Spannungsbogen, der sich Runde für Runde neu aufbaut.
Trotz des enormen strategischen Gewichts fühlt sich das Spiel erstaunlich flüssig an. Die Regeln verlangen zwar eine aufmerksame Einarbeitung, doch sobald die Räder ineinandergreifen, offenbart sich eine bemerkenswerte Eleganz. Wo andere Spiele dieses Genres oft in trockener Buchhaltung enden, hält „Colonia“ die Interaktion am Tisch stets lebendig. Man baut nicht isoliert vor sich hin, sondern ist ständig gezwungen, auf die Taktiken der anderen zu reagieren. Die Verzahnung der einzelnen Marktplätze, Ratssitze und Handelsrouten ist meisterhaft ausbalanciert.
Fazit
„Colonia: 1322 A.D.“ ist kein Spiel für harmoniebedürftige Bauherren, die am liebsten ungestört auf ihrem eigenen Tableau vor sich hin wirtschaften. Es ist ein hochinteraktives, elegantes und vor allem erfreulich konfrontatives Ringen um Einfluss, perfektes Timing und die heiligsten Reliquien. Dirk Henn beweist hier eindrucksvoll, dass ein anspruchsvolles Wirtschaftsspiel nicht in staubtrockener Rechnerei enden muss. Ein herausragendes Strategie-Schwergewicht, das durch seine psychologische Tiefe bei jedem neuen Aufbau frisch und fordernd bleibt.
Wertung: 9 / 10


