Freitag, 15. August 2025

Als der Würfel fallen lernte: Eine Kulturgeschichte der Pappe - DAS MODERNE BRETTSPIEL: Die unglaubliche Entwicklung von 1950 bis 2000 Taschenbuch

Herausgeber: ‎ Piatnik
Erscheinungstermin: ‎ 24. April 2025
Sprache: ‎ Deutsch
Seitenzahl der Print-Ausgabe: ‎ 255 Seiten



Tom Werneck, Doyen der Spieleszene, legt mit "Das moderne Brettspiel" eine Chronik vor, die beweist: Der Weg von "Mensch ärgere Dich nicht" zu "Catan" war ein weiter – und er führt auch über Wien.

Es gab eine Zeit, da war das Brettspiel in den österreichischen Wohnzimmern vor allem eines: eine Geduldsprobe. Man würfelte, man zog, man flog raus. Die taktische Tiefe beschränkte sich darauf, den Spieltisch nicht umzuwerfen. Dass wir heute in einer goldenen Ära der analogen Unterhaltung leben, in der komplexe Strategien und soziale Interaktion das reine Glücksprinzip verdrängt haben, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Evolution, die Tom Werneck in seinem neuen Buch Das moderne Brettspiel minutiös nachzeichnet.

Wer, wenn nicht er? Werneck, Mitbegründer der Jury "Spiel des Jahres" und seit 2025 Ehrendoktor, ist so etwas wie das lebende Gedächtnis der Branche. Sein Buch, erschienen im Wiener Traditionsverlag Piatnik, widmet sich den entscheidenden fünf Jahrzehnten zwischen 1950 und 2000. Ein Zeitraum, der den Wandel vom "Ameritrash" (viel Plastik, wenig Hirn) hin zum international gefeierten "German Game" markiert.

Vom Zeitvertreib zum Kulturgut

Der Band liest sich weniger wie ein Katalog, sondern wie eine soziokulturelle Abhandlung. Werneck skizziert die tristen Nachkriegsjahre, in denen Spielesammlungen mit Halma und Mühle das höchste der Gefühle waren, und führt den Leser in die 1960er, als mit den 3M-Spielen (Acquire) erstmals Autorennamen auf den Schachteln auftauchten – ein Paradigmenwechsel.

Besonders spannend für den hiesigen Leser: Die Rolle Österreichs. Herausgegeben von Piatnik-Chef Dieter Strehl, beleuchtet das Werk auch die ökonomische Seite. Es zeigt, wie aus kleinen Kartenmalereien globale Player wurden und wie die Gründung der "Spiel des Jahres"-Auszeichnung 1979 dem Medium jene intellektuelle Legitimität verlieh, die es brauchte, um aus der Kinderecke herauszukommen.

Nostalgie mit Fußnoten

Visuell ist das Buch, obschon als Taschenbuchformat daherkommend, reich bestückt. Fotos von vergilbten Spielplänen und ikonischen Schachteln triggern sofortige Nostalgie-Schübe. Doch Werneck bleibt nicht beim Schwelgen stehen. Er analysiert messerscharf, warum Die Siedler von Catan 1995 einschlugen wie ein Meteorit: Endlich durfte man handeln statt nur hassen.

Gibt es Kritik? Wenn man so will, dann an der akademischen Dichte. Werneck schreibt für den interessierten Laien, aber man merkt den Duktus des Archivars. Manche Passage über Verlagsfusionen ist trocken wie ein Zwieback. Zudem endet das Buch strikt im Jahr 2000. Die Kickstarter-Revolution und die aktuelle Explosion an Expertenspielen fehlen. Das ist dem historischen Ansatz geschuldet, lässt den Leser aber hungrig zurück.

Fazit

"Das moderne Brettspiel" ist ein längst überfälliges Standardwerk. Es hebt das Spielen auf jenen Podest, den es verdient: als Spiegel der Gesellschaft. Von der Schicksalsergebenheit der 50er zur konstruktiven Gestaltung der 90er. Dass ein Wiener Verlag dieses Stück Kulturgeschichte publiziert, ist nur folgerichtig. Für Kenner ein Muss, für Gelegenheitsspieler eine horizonterweiternde Lektüre, die erklärt, warum wir heute so spielen, wie wir spielen.


Bewertung: 9/10