Samstag, 31. Januar 2026

Mercy: Wenn Chris Pratt gegen die digitale Guillotine rennt - Filmkritik


Kinostart: 22.01.2026
Genre: Science Fiction
Filmdauer: 1h 41m

Timur Bekmambetov liefert mit seinem Sci-Fi-Thriller nicht nur visuelle Wucht, sondern auch inhaltliche Schärfe. Chris Pratt brilliert in einer Rolle, die ihm endlich das abverlangt, was er am besten kann: pures Überleben.



Man neigt dazu, das Actionkino der Gegenwart vorschnell als "Kirmesattraktion" abzutun: laut, bunt, aber ohne Seele. Und dann kommt ein Film wie Mercy um die Ecke und belehrt uns eines Besseren. Regisseur Timur Bekmambetov, bisher bekannt für visuelle Exzesse (Wanted), hat seine unbändige Energie hier nicht gezähmt, sondern kanalisiert. Das Ergebnis ist ein Sci-Fi-Thriller von einer Dringlichkeit und Präzision, die man seit Spielbergs Minority Report im Blockbuster-Kino schmerzlich vermisst hat.

Dies ist kein Film, den man konsumiert; es ist ein Film, der einen inhaliert. Von der ersten Sekunde an etabliert Bekmambetov einen Rhythmus, der den Puls des Publikums diktiert. Doch anders als in früheren Werken dient das Spektakel hier nie dem Selbstzweck. Jede Kamerafahrt, jeder Schnitt dient der Erzählung einer Welt, in der die Unschuldsvermutung einem kalten Algorithmus zum Opfer gefallen ist.


Der Hitchcock-Held im Cyberpunk-Gewand

Die größte Überraschung ist dabei Chris Pratt. Wer den Amerikaner bisher in der Schublade des charmanten Weltraum-Clowns (Guardians of the Galaxy) abgelegt hatte, muss umdenken. Als Detective Sal, der im System der totalen Überwachung plötzlich selbst zum Gejagten wird, zeigt Pratt eine Physis und Verletzlichkeit, die an das klassische Hollywood der 70er Jahre erinnert.

Er spielt diesen Sal nicht als Superhelden, sondern als einen Mann, der unter der Last der Beweise fast zerbricht. In seinen Augen spiegelt sich die pure Panik eines Individuums wider, das gegen eine unsichtbare, digitale Omnipotenz anrennt. Das ist The Wrong Man im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – und Pratt trägt diesen Film auf seinen Schultern mit einer beeindruckenden Gravitas.

Eine Vision, die unter die Haut geht

Was Mercy von der Dutzendware abhebt, ist das Worldbuilding. Die Zukunftsvision wirkt nicht wie aus dem CGI-Baukasten, sondern erschreckend greifbar. Die Technologie ist hier nicht glänzend und sauber, sie ist invasiv, schmutzig und allgegenwärtig. Bekmambetov nutzt seine visuellen Spielereien (etwa die Integration von Interface-Elementen) diesmal nicht als Gimmick, sondern um die klaustrophobische Enge einer überwachten Gesellschaft fühlbar zu machen.


Unterstützt wird Pratt von einer wie immer phänomenalen Rebecca Ferguson. Sie verleiht dem Film die nötige Ambivalenz und intellektuelle Schärfe. In den gemeinsamen Szenen entsteht eine Chemie, die knistert – nicht aus Romantik, sondern aus reinem Misstrauen und intellektuellem Sparring.

Fazit: Meisterhaftes Spannungskino

Mercy ist der Beweis, dass intelligentes Kino und atemlose Action kein Widerspruch sein müssen. Der Film stellt die richtigen Fragen zur Ethik der KI, ohne dabei den Zeigefinger zu heben oder das Tempo zu drosseln. Es ist ein visuell berauschender, thematisch relevanter und schauspielerisch starker Wurf.

Wenn der Abspann läuft, bleibt man etwas atemlos zurück – mit dem Gefühl, gerade einen zukünftigen Klassiker des Genres gesehen zu haben. Bekmambetov hat sein Meisterstück abgeliefert.

Bewertung: 10 von 10